Verlust

Der Tod ist nichts, ich bin ich, ihr seid ihr.
Das, was ich für euch war, bin ich immer noch.
Gebt mir den Namen, den ihr mir immer gegeben habt,
sprecht mit mir, wie ihr es immer getan habt.
Gebraucht nicht eine andere Redensweise,
seid nicht feierlich und traurig.


Lacht über das, worüber wir immer gemeinsam gelacht haben.
Warum soll ich nicht mehr in euren Gedanken sein,
nur weil ich nicht mehr in eurem Blickfeld bin?
Ich bin nicht weit weg,
nur auf der anderen Seite des Weges.

Charles Peguy

 

Einen Menschen zu verlieren, hat immer auch für die/den Betroffene/n eine existenzielle Bedeutung. Im Trauerprozess werden dabei vier Phasen durchlaufen.

Die vier Phasen eines Trauerprozesses
(nach Verena Kast)


Erste Phase
Nicht-Wahrhaben-Wollen

Der Verlust wird geleugnet, der oder die Trauernde hat kaum Empfindungen und ist oft starr vor Entsetzen. Diese erste Phase dauert nur Tage oder wenige Wochen.

Zweite Phase
Aufbrechende Emotionen

Momente der Trauer, von Wut, Freude, Zorn, Angst und Unruhe werden erlebt, Schlafstörungen treten auf. Möglicherweise beginnt jetzt die Suche nach den „Schuldigen“ (Ärzte, Pflegepersonal, Partner bei Abtreibungen). Der Verlauf der Phase hängt entscheidend davon ab, wie die Beziehung zwischen den Hinterbliebenen und dem/der Verlorenen war, ob eine Vorbereitung auf den Verlust stattfinden konnte oder ob noch vieles offen geblieben ist. Starke Schuldgefühle im Zusammenhang mit den Beziehungserfahrungen oder durch einen Schwangerschaftsabbruch können dazu führen, dass man auf dieser Stufe stehen bleibt. Das Zulassen und Durchleben von aggressiven Gefühlen hilft Depressionen zu vermeiden. In unserer Gesellschaft hat Selbstbeherrschung einen hohen Wert und Trauer wird oft ganz verdrängt. Deshalb ist es für viele oft schwierig, diese Phase zu bewältigen. Die nächste Trauerphase kann nur dann erreicht werden, wenn die vorhandenen Emotionen auch tatsächlich zugelassen und erlebt werden.

Dritte Phase
Suchen, finden, sich trennen

In der dritten Trauerphase wird der verlorene Mensch unbewusst oder bewusst „gesucht“, in Bildern, Zimmern, auf Fotos oder in Träumen und Phantasien. In der Realität muss der Trauernde lernen, dass sich die Verbindung drastisch geändert hat.

Der Verlorene wird im günstigsten Fall zu einem „inneren Begleiter“, mit dem man durch einen inneren Dialog eine Beziehung entwickeln kann. Häufig lebt aber der trauernde Mensch eine Art Pseudoleben mit dem Verlorenen, nichts darf sich verändern. So entfremdet sich der Trauernde vom Leben und den Lebenden.



Wenn es gelingt, dass der verlorene Mensch zu einer inneren Person wird, die sich ebenfalls weiter entwickeln und verändern kann, dann kann die nächste Phase der Trauerarbeit erreicht werden. Besonders günstig ist es, wenn in dieser Phase des Suchens, Findens und Sich-Trennens auch unter therapeutischer Hilfe Noch-Nicht-Gelöstes mit der verlorenen Person aufgearbeitet werden kann. Bei Schwangerschaftsabbrüchen oder Fehlgeburten kann dies in der Aufarbeitung des vergangenen Lebens und dem Beginn eines neuen Lebensabschnitts verbunden sein. Das Kind soll nicht umsonst gestorben sein.

Vierte Phase
Neuer selbst- und Weltbezug

In der vierten Phase ist der Verlust auf eine Weise angenommen, dass der verlorene Mensch zu einer inneren Figur geworden ist. Möglichkeiten des Lebens, die zuvor nur innerhalb der Beziehung möglich waren, werden nun zu eigenen Möglichkeiten. Neue Beziehungen, Rollen, Verhaltensweisen und Lebensstile können verwirklicht werden. Dass alles vergänglich ist, dass das Leben immer mit dem Tod verbunden ist, wird zur Erfahrung. Im Idealfall kann man dennoch neue Beziehungen zulassen, wieder Kinder bekommen, weil man erfahren hat, dass Verluste möglich sind, dass man selbst sie überleben kann und dass jeder Verlust auch neues Leben in sich trägt.